Wie stopft man eine Socke? von Renate Abesser

BE-wegungsstück für den Monat Mai 22

Vergangener Freitag: Wir sitzen im Auto auf dem Weg zu einem Frauenwochenende mit sprituellen Tänzen, zu einem wunderschönen zum Tagungshaus umgebauten Bauernhof in unberührter Natur. Sprechen vom Krieg, den Flüchtlingen, der wirtschaftlichen Entwicklung, persönlichen Schwierigkeiten, der ungewissen Zukunft.
Meine Freundin fragt ob sie mir einen Text vorlesen darf, den sie heute geschickt bekam. Er sei etwas länger.

Die heile Blase

Immer wieder glauben wir Menschen, dass wir für Dinge, die uns gut tun und uns ein schöneres Leben ermöglichen, eine Erlaubnis brauchen.

Ein Beispiel dafür ist gerade, ob ich mir eine heile Blase erschaffen darf.
Darf ich in Zeiten von Krieg und Morden im Frieden sein?
Darf ich in Zeiten von Angst und Trauer Freude empfinden und lachen?
Darf ich in Zeiten von Terror und (Re)Traumatisierung ausgeglichen sein?
Darf ich in Zeiten von Perspektivenlosigkeit und Weltuntergangsstimmung Visionen und Träume haben?
Darf ich den Fernseher und die Nachrichten abgedreht lassen und stattdessen mit Freunden einen harmonischen und lustigen Abend verbringen?
Darf ich darauf verzichten, mir die täglichen Todeszahlen anzuhören und stattdessen das Erwachen der Natur erleben?
Darf ich in Zeiten von Ungewissheit und Bedrohungen, festen Boden unter den Füßen haben und mich in Ekstase tanzen?

Ja.
Natürlich darf ich das.
Wen sollte ich denn dafür um Erlaubnis fragen?

Es gibt eine kollektive Meinung, dass „man“ die Pflicht hat, sich über das Weltgeschehen zu
informieren.
Schließlich haben wir eine Pandemie. Und Krieg. Und einen baldigen Wirtschaftskollaps.
Und seltsame, unerklärliche medizinische Erkrankungen.
Da kann „man“ sich ja nicht einfach nicht informieren und nicht permanent up to date sein.

Doch wem hilft es, ob ich am neuesten Stand bin?
Wird es dadurch zu Frieden kommen, wenn ich über den neusten Bombenabwurf Bescheid
weiß?
Gibt es morgen weniger Tote, wenn ich weiß, wie viele es heute waren?
Wird uns das Mehl weniger wahrscheinlich ausgehen, wenn ich mir Bilder von leeren
Regalen anschaue?

Wem dient mein Informieren?
Und noch viel wichtiger: dient es mir?

Jeder Mensch hat das Recht auf eine heile Blase.
Wo ich entscheide wer und was in diese Blase hineingelassen wird.
Und mit welchen anderen Blasen meine in Kontakt kommt oder sich gar vereint.

Familienblasen, wo Kinder geschützt und heil sein können.
Gemeinschaftsblasen, die sich stärken und gemeinsame Werte hochhalten.
Bewegte Blasen, die lebendig und wach voran gehen.

Wo kommt die Idee her, dass ich nicht für mein Wohl sorgen darf?
Dass wenn es jemand anderem schlecht geht, ich auch leiden muss?
Seit wann ist es das Ziel, dass alle Menschen depressiv und ängstlich am Boden liegen
sollen?
Wer hält dann den Raum für Stabilität, Fürsorge und Entwicklung?
Bin ich ein „besseres“ Mitglied der Gesellschaft, wenn es mir schlecht geht? Wenn ich Angst
habe? Wenn ich ein Feindbild habe?

Warum sollte jemand anderer mehr Recht darauf haben, über mein Befinden zu entscheiden
als ich selbst?
Soll das Solidarität und Mitgefühl sein, wenn wir alle gemeinsam langsam
zusammenbrechen?

Da mache ich nicht mit.
Ich nehme mir das Recht, dass ich gut für mich sorge.
Dass ich mein Leben gestalten darf, so wie es mir gut tut.
Ist das egoistisch? Empathielos? Asozial?

Nein.

Es wurde uns erklärt, dass nur gemeinsam in einem Boot zu sitzen, solidarisch ist.
In einem Boot, dessen Ziel ohne Einverständnis bestimmt wurde.
Das einzige Boot, das angeblich existiert.
Sogar wenn dieses Boot untergeht, heißt es: sitzen bleiben.
Doch wem dient das?

Ich gebe meine Handlungsmacht und meine Verantwortung über mein Leben und Befinden
nicht an das Außen ab.
Nicht mehr.
Ich wähle, wie ich mein Leben gestalte, was ich konsumiere, worauf ich meine
Aufmerksamkeit lenke.

Und deshalb erlaube ich mir eine heile Blase.
In der ich mich regenerieren kann.
In der ich heilen kann.
In der ich gut mit mir verbunden sein kann.
In der ich das Leben spüren kann.
In der ich still sein kann.
In der ich Mensch sein kann.
Gemeinsam mit anderen.
Ich erlaube mir, dass ich gut für mich sorgen darf.“

Text: Alexandra Stephanidis

Ein Einstieg in ein Wochenende wie gemacht für das „Innere Kind“ mit Tanz, Sonne,
Blütenduft, köstlichem nachhaltigem Essen, Verbundenheit und Vertrauen.
Mir fällt ein Bild aus der systemischen Arbeit ein: Wie stopft man eine Socke? – Man
beschäftigt sich erst gar nicht mit dem Loch, sondern stabilisiert zunächst die heil
gebliebenen Ränder. Dann erst hat man eine wirkliche Basis, die den gestopften Teil halten
kann.
Ich schaue in meinen Kalender und freue mich auf die nächsten stärkenden Momente,
beschließe mehr davon in mein Leben einzuladen. Und mit diesem Gefühl des
Getragenseins auch in die schweren Themen anzupacken.

Ihre Renate Abeßer

(wie alle Texte in dieser Kategorie – aus redaktionellen Gründen um 1 Jahr zurückdatiert)

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